Technikkritisch

Uns ist es wichtig, Technik kritisch zu betrachten. Das heißt nicht, dass wir Technik prinzipiell negativ gegenüber stehen - im Gegenteil. Unsere Gesellschaft - Politik, NutzerInnen und EntwicklerInnen - denkt aber oft viel zu wenig über Technik nach. Der Glaube daran, dass Technik Probleme löst und Möglichkeiten schafft, überstrahlt dabei die Realität, in der Technik eben manchmal auch Probleme schafft und Möglichkeiten einschränkt.
Technik wird immer wieder als Synonym für "den Fortschritt" betrachtet. Technik verbessere unser Leben, Technik bringe uns allen per se schon Wohlstand wird da implizit oder oft sogar explizit behauptet. Angenommen wird dabei immer, dass Technik für sich alleine steht, als würde sie unabhängig von der Gesellschaft entwickelt und angewendet werden. Oft wird dabei auch ein Technikdeterminismus angenommen: Die Entwicklung von neuer Technologie ist prädeterminiert und passiert ohnehin - ob wir uns nun dagegen wehren oder nicht.
Übersehen wird dabei, dass es mehr als nur ein Gegenbeispiel für jede dieser Annahmen gibt:

  • Die Entwicklung und Anwendung neuer Technologien ist eingebettet in die Gesellschaft, in der sie passiert. Beispielsweise wird (nicht nur) in den USA sehr viel Forschung direkt vom Militär (das ja selbst schon Teil der Gesellschaft ist) finanziert. Die Finanzierung des Militärs hängt aber auch von der Stimmung und den Ängsten in der Gesellschaft ab. Nicht umsonst gab/gibt es zur Zeit des Kalten Krieges oder nach 9/11 wesentlich mehr Geld für das Militär.
  • Technikdeterminismus gilt heute auch in der Wissenschaft als widerlegt. Trotzdem ist es eine einfache und bequeme Annahme, der nicht nur PolitikerInnen und das Management von Konzernen, sondern auch TechnikerInnen gerne unterliegen. Wie sich eine Technologie entwickelt und wie sie genutzt wird ist in hohem Maße von den NutzerInnen und den Einflüssen, denen sie unterliegen, abhängig. Die Entwicklung und Verteilung einer neuen Technologie ist zusätzlich oft von den Machtinteressen einiger weniger Gruppen (Militär, Politik, Wirtschaft, ...) beeinflusst.
  • Einer neu entwickelten Technologie haftet oft der Reiz des neuen und geheimnisvollen an. Oft wird so einer neuen Technologie zugesprochen Probleme zu lösen, die zu lösen sie gar nicht in der Lage ist. Ein gerade aktuelles Beispiel ist das Einbetten digitaler Technologie (im speziellen RFID-Chips) in Pässe: Pässe sollen per Definition möglichst schwer kopierbar sein, das primäre Charakteristikum digitaler Technologie ist aber die einfache und verlustfreie Kopierbarkeit. So wurde z.B. der neue Pass in Großbritannien innerhalb von 2 Tagen vollständig geknackt (Bericht der BBC).
    Aber selbst wenn eine Technologie augenscheinlich ein Problem löst, heißt das noch lange nicht, dass sie unser Leben verbessert, unseren Wohlstand mehrt, also ein "Fortschritt" ist. Über zwanzig Jahre hat es gedauert, bis die vollen Auswirkungen des Insektizids DDT erkannt wurden. Ganze Vogelpopulationen mussten verschwinden bis die negativen Auswirkungen von DDT überhaupt erst debattiert wurden. Selbst heute noch ist DDT in Organismen selbst in den entlegensten Teilen der Welt nachweisbar.
    Zweifelhaft ist auch der Fortschritt, den die neuen Informationstechnologien in Ländern bringen, in denen die viel-postulierte "Wissensgesellschaft" noch gar nicht angekommen ist. Die "neuen Arbeitsplätze" sind oft nichts anderes als für einen minimalen Lohn hochgiftigen Müll zu trennen oder diesen ohne Atemschutz zu verbrennen. Während also diese Technologien zweifellos viel Positives bewirkt haben, überwiegen für andere Teile der Welt klar die Nachteile.

Technik ist also kein Synonym für "Fortschritt". Technik kann unser Leben verbessern, kann uns neue Möglichkeiten bringen, kann Probleme lösen. Diese Wirkung ist aber nicht determiniert: Technik kann eben auch unser Leben verschlechtern oder unsere Möglichkeiten einschränken. Es ist also wichtig, positive und negative Auswirkungen von Technik gegeneinander abzuwägen.
Gleichzeitig ist die Entwicklung und Anwendung von Technik durch gesellschaftliche Prozesse beeinflusst und hat selbst wiederum starken Einfluss auf die Gesellschaft. Wir können also als TechnikerInnen das gesellschaftliche Umfeld nicht einfach ausblenden. Wir als TechnikerInnen müssen uns mit den Auswirkungen von neuer Technologie auseinandersetzen und uns im gesellschaftlichen Diskurs einbringen.