Neue Technologien

Mit dem Begriff "Neue Technologien" wird im Allgemeinen der Komplex an digitalen Technologien bezeichnet, der sich in den letzten 30 Jahren über die ganze Welt ausgebreitet hat. Dazu zählen z.B. der PC, der Mobilfunk und natürlich das Internet. Gerade die digitalen Technologien haben aber Eigenschaften, die sie gegenüber allen anderen Technologien einzigartig machen und daher nicht unserer Intuition entsprechen. Vielfach wird deshalb versucht, für diese Technologien Anwendungsgebiete zu schaffen, für die sie gänzlich ungeeignet sind.

Neue Medien gegen Urheberrecht

Digitale Daten lassen sich, und das ist ihre primäre Eigenschaft die sie für so viele Anwendungsgebiete interessant macht, sehr einfach, schnell und vor allem verlustfrei kopieren. Früher wurde z.B. Musik mühsam von einer Schallplatte auf eine Audiokassette kopiert. Das dauerte genau die Abspielzeit (Eine Stunde Musik dauerte also eine Stunde zum Kopieren) und die Qualität wurde bei jeder weiteren Kopie (etwa von einer Kassette auf eine andere) schlechter. Heute kann sich jeder Teenager ganze Musikalben in Sekundenschnelle herunterladen - und das verlustfrei. Entgegen der Entwicklung in der Gesellschaft haben Lobbygruppen der RechteinhaberInnen (die nicht die InterpretInnen sind) eine immer restriktivere Gesetzgebung durchgesetzt. Die Folge ist, dass heute große Teile der Gesellschaft (z.B. fast unsere ganze Jugend) kriminalisiert wird. 

Wir sind der Meinung, dass der Content-Industrie eine viel zu große Bedeutung zugesprochen wird und ihr Einfluss auf die Gesetzgebung viel zu groß ist. Während sich eine riesige Jugendkultur daraus bildet, bestehenden Content zu remixen, zu adaptieren oder in neuen Kontext zu setzen, werden eben diese Aktivitäten, die eine völlig neue Art der kreativen Betätigung darstellen, zunehmend kriminalisiert. Der Einfluss und die Rechte der Content-Industrie müssen eingeschränkt werden, die Rechte der KünstlerInnen (nicht nur einiger weniger GroßverdienerInnen) und der NutzerInnen müssen gestärkt werden. NutzerInnen sollen das unwiderrufliche Recht haben, Musik, Filme usw. für den privaten Gebrauch kopieren zu können (heute wird dieses Recht oft durch Digital Restriction Management eingeschränkt) und es soll möglich sein, bestehenden Content frei neu zu verwenden.

Freie Programme und Formate

Software und die Dateien die sie produziert sind - zusammen mit der Hardware auf der sie laufen - hochkomplexe Systeme. Software in binärer Form (die Form, die Computer verstehen) ist aber für den Menschen unverständlich. Sie wird daher in einer für Menschen les- und verstehbarer Form entwickelt (das ist der Quellcode) und anschließend in binäre Form übersetzt. Heute ist es üblich, Software nur noch in binärer Form auszuliefern, es ist daher der Anwenderin oder dem Anwender nicht mehr möglich, zu verstehen, was die Software bzw. ihr Computer eigentlich tut. Schwerwiegender ist aber noch, dass das Wissen über die Datenformate in der Hand der sie kontrollierenden Firmen liegt. Geht das Wissen darüber verloren, können Dateien früher oder später nicht mehr gelesen werden und das darin gespeicherte Wissen geht unwiederbringlich verloren. Was, wenn etwa Microsoft pleite geht und das Wissen über die weit verbreiteten Office-Formate verloren geht? Alle .doc-Dateien, die in den letzten zehn Jahren produziert wurden wären dann bald unwiederbringlich verloren. Schon jetzt ist es sehr schwer Dateien die von Word 1.0 erstellt wurden wieder auszulesen.

Bei freier Software ist dagegen der Quellcode des Programms öffentlich. Dies gilt nicht nur für eine Einsicht (das wäre dann "Open Source") sondern auch für die Verwendung: JedeR kann das Programm nicht nur kopieren, sondern auch selbst modifizieren und weiter verbreiten. Durch die Offenlegung des Quellcodes kann die genaue Funktion und Funktionsweise eines Programms jederzeit heraus gefunden werden. So lässt sich feststellen, ob und welche Daten ein Programm an Dritte verschickt. Außerdem kann so jeder, der eine bestimmte Zusatzfunktion braucht, das Programm nachträglich erweitern (und dies wiederum mit der Welt teilen).

Bei freien Datenformaten ist das Datenformat offen gelegt und frei von Lizenzansprüchen Jede/Jeder kann so Programme schreiben, die solche Dateien lesen, erstellen oder weiter verarbeiten. Da die Spezifikation öffentlich ist, ist sie nicht so anfällig dafür verloren zu gehen. Sollte also irgendwann einmal kein Programm mehr existieren, das eine Datei lesen kann, kann einfach ein Neues geschrieben werden.

Wir sprechen uns dafür aus, dass freie Software und vor allem freie Datenformate im öffentlichen Bereich forciert werden: Wir dürfen nicht vom Wohlwollen kommerzieller AnbieterInnen abhängig werden bzw. sollten uns aus diesen Abhängigkeiten lösen. Gerade der öffentliche Bereich sollte ein Interesse daran haben, kommerziellen AnbieterInnen nicht vertrauen zu müssen. HerstellerInnen, die geschlossene Formate schaffen, sollten sanktioniert werden: Der einzige Grund für ein geschlossenes Datenformat ist der Versuch, eine Monopolstellung zu erlangen und Konkurrenz zu verunmöglichen. Die Nachteile überwiegen jedoch derart, dass solche Entwicklungen einfach nicht hinnehmbar sind.

Softwarepatente

Während in anderen Bereichen der Wirtschaft das Patentsystem durchaus gut funktioniert, hängen Softwarepatente wie ein Damokles-Schwert über allen, die Software entwickeln wollen. Egal ob die Software kommerziell vertrieben werden soll oder nicht. Anders als in anderen Industriezweigen ist es in der Softwareentwicklungs-Branche üblich geworden, nahezu alles zu patentieren. Patentiert werden dabei nicht mehr "bahnbrechende Erfindungen" sondern triviale Algorithmen oder Ideen. Dies bringt aber viele  Probleme:

  • Die Patentämter werden von Patentanträgen derart überschwemmt, dass sie bei der Überprüfung teils Jahre hinterherhinken. Natürlich leidet darunter auch die Qualität der Prüfung der Patente. Viele Patente sind viel zu allgemein formuliert oder patentieren gar vollkommen alltägliche Dinge: 2000 gelang es etwa einem Journalisten, das Seitwärts-Schaukeln auf einer Schaukel zu patentieren (Originalpatent).
  • Jede Entwicklung von Software birgt nun unweigerlich die Gefahr, gegen bestehende Patente zu verstoßen. Softwarefirmen sind daher gezwungen, jede ihrer Entwicklungen zu patentieren, selbst wenn sie noch so trivial ist, bloß um sich gegen eventuelle Patentansprüche anderer Firmen wehren zu können. Software-Riesen wie IBM reichen so jedes Jahr mehrere tausend Patente ein. Patente, die aber jederzeit nicht nur defensiv sondern auch offensiv verwendet werden können.
  • Durch diese Form des Patentwesens werden alle bedroht: HobbyprogrammiererInnen, die ihr kleines nützliches Programm mit allen teilen wollen, große professionelle Projekte in der freien Softwareentwicklung und generell alle Klein- und Mittelbetriebe, die Software entwickeln wollen. Will jemand mit einem Konkurrenzprodukt in einen bestehenden Markt einsteigen, kann er/sie jederzeit von den etablierten Platzhirschen verklagt werden.

In den USA und der EU haben sich mittlerweile Firmen gebildet, die kein einziges Produkt mehr herstellen, nichts mehr erfinden und nichts mehr zur Gesellschaft beitragen. Ihre einzige Geschäftsfunktion ist es, Patente einzukaufen und damit große Firmen zu verklagen. In den vergangenen Jahren kam es immer wieder zu solchen Klagen. So musste die gesamte US-Regierung mitsamt allen Ministerien beinahe ihre gesamte Kommunikationsinfrastruktur umstellen, weil ein Hersteller eines Mobiltelephons (das von beinahe der gesamten US-Regierung benutzt wird) verklagt wurde und beinahe daran zu Grunde gegangen wäre. Aber selbst ohne derartige Extremfälle ist der Schaden für unsere Gesellschaft enorm: Innovation entsteht erst gar nicht bzw. wird massiv bedroht. Selbst große Firmen müssen einen beträchtlichen Teil ihrer Wirtschaftsleistung in Softwarepatente und Anwälte (zur Verteidigung gegen Klagen) verschwenden.

Wir fordern daher eine umfassende Reform des Patentwesens, zumindest was den Bereich der Software angeht. Die Patentierung von Software muss erschwert, Trivialpatente ganz verboten werden. Ein Missbrauch des Systems muss entsprechend verfolgt und der Handel mit Patenten unterbunden werden um "Patenttrolle" gar nicht erst entstehen zu lassen.